Über meine Arbeit
(Text von Dr. Larissa Ramscheid zur Eröffnung der Ausstellung "Alltagsarchäologie" im Museum für Bildende Kunst Oberfahlheim)
Alltag und Archäologie scheinen – auf den ersten Blick – zwei konträre Begriffe zu sein. Die Archäologie befasst sich mit Überresten aus längst vergangenen Zeiten. Tief verborgen in der Erde werden sie ausgegraben, analysiert, in einen Kontext gebracht und gedeutet, um daraus die Strukturen einer unbekannten Kultur abzuleiten. Kleidung, Essgewohnheiten, Handwerk, Rituale, Ausstattung und vieles mehr. Alltag eben, längst vergangener Alltag – aber Alltag.
Was, wenn wir nicht so lange warten und nur eine Generation in die Vergangenheit schauen und Kleidung, Essgewohnheiten, Handwerk, Rituale und Ausstattung betrachten? Was wenn wir es mit unserer eigenen Erinnerung verknüpfen können? Geraten wir in einen Zwiespalt? Weil wir unsere eigene Erfahrung nicht als archäologisch sehen können oder wollen?
Wer erinnert sich nicht das Jugendzimmer der 1980er Jahre im Dachgeschoss mit selbst angebrachten Nut- und Feder Brettern aus Astkiefer. Das Ganze noch verziert mit Postern und Stickern der geliebten Helden aus Musik und Sport. Bravo, Panini, Gong und Hörzu waren zuverlässige Lieferanten klebbaren Bildmaterials. Noch vor gesundheitlichen Bedenken und EU-Verordnungen zur Reduzierung von Giftstoffen in Haushalten produziert, kleben sie da vermutlich heute noch.
In jedem Haushalt gab es Aschenbecher: groß, massiv, meist aus Pressglas – in Andeutung an wertvolles Kristall –, standen sie in jedem Zimmer (auch auf dem WC), dreckig, stinkend und nie so in Szene gesetzt wie es Peter Liptau mit seinen beiden Etageren gemacht hat: sauber, leuchtend und glänzend. Sie laden aber trotzdem nicht ein, Gebäck reinzulegen. Sie erinnern mehr an den abgestandenen Geruch von Rauch, an vergilbte Tapeten, penetrantes Husten, gelbe Fingerkuppen und ewig stinkende Kleidung. Trotzdem ikonisch, weil sie einst ein fester Bestandteil waren und jetzt aus fast allen Lebensbereichen verschwunden sind. Es steht kein Aschenbecher mehr auf dem Tisch, wenn man ins Restaurant geht, zuhause Rauchen ist verpönt und im Handwerksunterricht in Schule werden Kinder auch nicht mehr dazu genötigt, Aschenbecher aus Ton mit eingedrücktem Blattmotiv zu basteln. Mit den Titeln „Stammtisch“ und „Familienfeier“ ist der Betrachter emotional mitten im Thema und in der eigenen Erinnerung und damit in der Verbindung.
Eine Angewohnheit geht mehr und mehr dahin, und damit auch die enge Verzahnung in unserem Alltag. So wie das Einlegen von leeren Backpulvertütchen als „Lesezeichen“ (so auch der Werktitel) in ein Kochbuch oder eine handschriftliche Rezeptsammlung. Vor dem Öffnen wurde das Pulver mit schnippenden Bewegungen nach unten in das Tütchen katapultiert, um es danach sorgfältig oben am Rand aufzureißen. Der schmale abgelöste Rand wird danach hineingesteckt und dann wie ein vierblättriges Kleeblatt zum Trocken zwischen die Seiten gesteckt. Dort blieben sie. Peter Liptau hat sie gehoben – ganz archäologisch und auch archivarisch – und wissenschaftlich in Schaukästen wie Insekten mit Nadeln aufgespießt. Jetzt lässt sich die Veränderung des Designs des Dr. Oetkers Backin oder Vanillin über die Jahrzehnte nachvollziehen. In Zeiten von Rezeptvideos auf Instagram und Pinterest verschwindet auch diese Angewohnheit aus unserem Alltag.
Fleisch. Fleisch und Wurst. Fleischwurst und die Krone von allem: Die Gesichtswurst.
Fangen wir doch bei den beleuchteten Kästen an. Darin waren mal Speisekarten längst geschlossener Landgasthöfe ausgehängt. Fleisch war der Hauptbestandteil jener Speisen. Aus „einmal in der Woche kommt Fleisch auf den Teller.“ wurde in der Wirtschaftswunderzeit ein täglicher Genuss. Das hält bis heute an. Unmengen von Fleisch- und Wurstwaren werden uns wöchentlich in Bergen von Werbeblättern in die Briefkästen gesteckt. Meist findet man sie auf der ersten Seite, gefolgt von billig produziertem Gartenbedarf oder LED-Weihnachtsdekorationen. Ich frage mich: Gibt’s das in Frankreich auch? Oder sonst irgendwo? Ist das ein deutsches Phänomen? Spannend ist, dass neben der üblichen und auch logischen Dekoration mit krauser Petersilie und Zwiebelringen die Deutschlandfahne fester Bestandteil des „Serviervorschlags“ ist. Peter Liptau hat sie alle fein säuberlich mit dem Skalpell ausgeschnitten und zu einer Collage zusammengefügt. Derart gehäuft, beleuchtet, inszeniert und mit drei Lagen Firniss für die Ewigkeit versiegelt, wird einem die Absurdität und Verherrlichung unseres Fleischkonsums klar und (mir zumindest) unangenehm. Vom Umgang mit den Tieren möchte ich gar nicht erst anfangen.
Da wir gerade bei absurd sind: Gesichtswurst! Wir töten ein Tier, zermahlen es zur Unkenntlichkeit, färben es ein und machen ein menschliches Gesicht daraus – oder je nach Saison Bärchen, Weihnachtsbäume oder Osterhasen. Schnittfest oder zum Streichen. Früh soll das Kind vom Fleisch überzeugt werden. Was so putzig daher kommt, kann nicht schlecht sein. Schon gar nicht, wenn es dem Kind vom sympathischen Metzger lässig über eine Fleischgabel gerollt über die Theke gereicht wird.
In mühevoller Handarbeit hat Peter Liptau die Teppichgesichts-wurst geknüpft. Er hat mit den Farben experimentiert und ein flauschiges Ebenbild der Wurstware hergestellt. Teppich knüpfen – noch so eine Sache, die heute keiner mehr macht.
Es braucht mindestens eine Generation Abstand, um aus einer Metaebene heraus einen künstlerischen Wert zu erkennen, eine gesellschaftliche Entwicklung wahrzunehmen oder soziale Strukturen und Gewohnheiten zu erkennen. Hat man sie identifiziert, stehen sie pars pro toto für einen Zeitabschnitt. So wie der Nierentisch für die 1950er Jahre.
Wie wirkt das auf mich, wenn man das schon viel früher versucht zu erkennen? Dann, wenn ich mich selbst noch erinnere? Wie wirkt es auf sie? Welche Erinnerungen weckt die Arbeit „Deutscher Herbst“ auf Sie? Wo an oder in Ihrem Haus waren diese „Spaltplatten“ verbaut? Bei mir war es der gesamte Sockel meines Elternhauses und der ganze Flurbereich. Und dort sind sie auch noch heute. Es fällt schwer, selbst erlebte Zeit mit Abstand zu analysieren. Man ist ja ein Teil davon. Und weil man bisweilen etwas peinlich berührt auf die Vergangenheit blickt (Was hatte man nicht für eine Frisur?) fehlt die nötige innere Distanz. Aber es lohnt sich jetzt schon genauer hinzuschauen.